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Ich kann (nicht) sprechen?!

3. April 2021 // Lesezeit: 3 Minuten

Hinter diesem Satz verbirgt sich eine Welle an Überwindungen, Komplikationen und Unsicherheiten.

Aber auch andere Eigenschaften bringt dieser Satz mit sich, wie z.B. Macht, Überzeugungskraft, Motivation und vor allem DEINE STIMME. Unsere Stimme ist das Kommunikationsmittel Nummer 1. Wir reden am Tag ca. 16.000 Worte, das sind 5.840.000 Wörter im Jahr. Diese Anzahl ist und war für mich immer unglaublich. Nur welche Gewichtung haben unsere Wörter? Welche Kraft geben wir ihnen? Welche Menschen erreichen wir damit und wie gut wählen wir unsere Wörter?

Fragen, die ich mir seit Beginn meines Lebens nicht stellen musste, da ich Stotterer war und bin. Richtig gehört, ich bin nach wie vor Stotterer. Mit knapp 30 Jahren, viel Bühnenerfahrung in Sprache und Gesang vor hunderten Menschen, in TV- und Radio-Interviews, als Mental- und Motivations-Speaker, als Unternehmer und Mensch. Die Frage, die sich viele Menschen, die mich kennen, stellen, ist: Wie konnte er das alles machen, ohne sich komplett zu blamieren? 

Wenn ich euch sage, dass mehr als 5% der gesamten Weltbevölkerung stottern, und Männer 5 mal öfter davon betroffen sind als Frauen, dann sind das Zahlen jenseits der 400-Millionen-Menschen-Marke. Viele Menschen kämpfen ein Leben lang mit diesem Problem, das dir dein ganzes Leben erschweren kann. Sei es beim Lesen im Unterricht vor der Klasse, beim Vortragen eines Referats, beim Sprechen vor anderen, bei Stresssituationen, bei deinem ersten Date usw. Die Aufzählungen sind schier grenzenlos. Bei den normalsten Dingen muss sich ein Stotterer überlegen, ob und wie er etwas sagt. Die Möglichkeiten, sich zu blamieren, ausgelacht und verspottet zu werden sind jeden Tag allgegenwärtig.

Ich kann NICHT sprechen!

Als ich 6 oder 7 Jahre alt war wurde ich von einer Therapeutin als Legastheniker eingestuft, da sie meinte, dass ich durch mein Stottern eine Lernschwäche habe und einen besonderen Unterricht benötigen würde. Ich wurde von meiner Mutter zu verschiedenen Therapeuten gebracht, welche ihr immer unterschiedliche Beurteilungen unterbreiteten. Vom Hören von klassischer Musik übers Malen bis hin zum Sprechunterricht war alles dabei. Nichts hat etwas bewirkt.

Jeder Stotterer, der diesen Text liest, wird verstehen, was es heißt, als Kind zu stottern. Die Ehrlichkeit von Kindern ist Fluch und Segen zugleich. Man wird ausgelacht und für „behindert“ gehalten. Es wird dir ständig gesagt, wie dumm du bist und es wird dir immer wieder spöttisch die Frage gestellt, warum du nicht mal einen geraden Satz sprechen kannst. Gemeinheiten, die unter die Haut gehen. 99% der Betroffenen ziehen sich dadurch noch mehr zurück.

Was habe ich nun anders gemacht? Als ich merkte, dass ich eine Begeisterung für Musik und das Singen verspürte, habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen, bin als 7-jähriger Junge auf einer Bühne vor ca. 100 Kindern und Eltern gestanden und habe gesungen. Alle, die zuschauten, wussten, dass ich extrem stotterte und warteten nur darauf, dass ich wieder zu stottern beginne. Doch nichts ist passiert, außer 3 Minuten stotterfrei und textsicher zu performen. Das war ein ausschlaggebender Moment und für die Zukunft richtungsweisend. 

Die Angst und die scheinbar größte Hürde eines Stotterers wurden zu meinem Kickstarter. Mut besiegt Angst.

Ich KANN sprechen?!

Die kommenden Jahre stand ich auf vielen Bühnen, aber das Stottern blieb. Mit über 20 Jahren hatte ich Momente, in denen es den Anschein machte, dass ich wieder in die alten Muster meiner Kindheit zurückfalle. Aber ich wollte und konnte diesen Rückschlag nicht akzeptieren.

Leider kann man nicht jedes Gespräch in einen Song verwandeln á la Disney, deshalb musste ich hart an mir arbeiten, um dort hinzukommen, wo ich jetzt bin. Vom Stotterer zum Speaker, das wohl unglaublichste Szenario traf tatsächlich ein. Die Stimmen, die mir mehr als 20 Jahre lang sagten, dass ich sprechbehindert und ein dummer Mensch bin oder mich einfach auslachten,  verstummten.

Ich habe junge Menschen jahrelang in Bereichen des Sprechens und der Bühnenpräsenz unterrichtet, habe Unternehmern Tipps für die Kommunikation mit Ihren Mitarbeitern gegeben und stand auf Bühnen, auf denen ich Menschen von meinem Lebensweg erzählte. Derselbe Mensch, der Jahre zuvor keinen Satz ohne zu Stottern sprechen konnte, der keinen Satz laut vor anderen lesen konnte, der ausgelacht und fertig gemacht wurde weil er NICHT sprechen konnte.

Ich spreche hier nicht nur die Stotterer an, sondern auch Menschen, die Angst davor haben, vor anderen zu sprechen, die auf die Bühne wollen, aber dann kein Wort rausbringen und für alle, die denken: „Ich kann NICHT sprechen“. Doch, das kannst du. Und das sogar sehr gut. Der Antrieb dahinter muss stimmen. Frag dich, was die Leute verpassen, wenn sie dich nicht sprechen hören, was Menschen von dir lernen können, wenn du sprichst und was du mit deiner Stimme erreichen kannst.

Du KANNST sprechen!

#highfive
euer Matthias Göth

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