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Eine kleine Geste, die bewegt

7. November 2020 // Lesezeit: 2 Minuten

Mein Großvater väterlicherseits starb als mein Vater elf Jahre alt war. Seine Mutter war mit 34 Witwe, und er – ein Einzelkind – trug einen Großteil seiner Trauer allein. Gemäß dem traditionellen jüdischen Brauch ging er danach täglich frühmorgens zur Synagoge, um für seinen Vater zu beten, wie man es nach dem Tod eines Elternteils ein Jahr lang tun soll. Nach einer Woche fiel ihm auf, dass der Vorsteher der Synagoge, Mr. Einstein, immer genau dann an unserem Haus vorbeikam, wenn er vor die Tür trat. Mr. Einstein, nicht mehr der Jüngste, erklärte: 

„Du wohnst ja auf meinem Weg zur Synagoge, und ich dachte mir, es wäre vielleicht nett, ein bisschen Gesellschaft zu haben. So muss ich den Weg nicht alleine machen.” 

Ein Jahr lang gingen mein Vater und Mr. Einstein durch die Jahreszeiten Neuenglands, durch den schwülen Sommer und den schneereichen Winter, und sprachen über das Leben und den Tod, und eine Zeit lang war mein Vater nicht so allein. Nachdem meine Eltern geheiratet hatten und mein älterer Bruder auf die Welt gekommen war, rief mein Vater Mr. Einstein an, der jetzt weit über 90 war, und lud ihn ein, seine neue Frau und das Kind kennenzulernen. Mr. Einstein freute sich, bat aber meinen Vater, sie zu ihm zu bringen, weil er jetzt doch schon recht alt sei. 

Tue soviel Gutes, wie du kannst, und mache so wenig Gerede wie nur möglich darüber.

Charles Dickens

Mein Vater schreibt: “Es war ein langer und komplizierter Weg bis zu ihm, ich brauchte volle 20 Minuten mit dem Auto. Mir standen während der Fahrt die Tränen in den Augen, als mir klar wurde, was er für mich getan hatte. Er war jeden Morgen nur deshalb eine ganze Stunde lang gelaufen, damit ich nicht so alleine auf meinem Weg war …”

Durch diese Geste, diesen Akt der Fürsorge, hat er sich eines verängstigten Kindes angenommen und es mit Vertrauen und Glauben zurück ins Leben geführt.”


#highfive
euer RealTalk-Team